Dienstag, 19. April 2011

Heute gehört uns der Müllsack und morgen die ganze Welt

Samstag war ich auf der Jahreshauptversammlung meiner Kreisjägerschaft. Solche Veranstaltungen mag ich, weil ich da zu den Jüngsten gehöre und meistens die einzige Frau bin. Vor allem Ersteres passiert mir nicht mehr sehr oft. Höhepunkt war ein Vortrag über die Wölfe in der Lausitz, denn nun wartet man gespannt darauf, dass dieses streng geschützte Großraubwild auch in das am dichtesten besiedelte deutsche Mittelgebirge, das Erzgebirge, weiterwandert.

Die Webseite "Wolfsregion Lausitz" könnte als Nachschlagewerk über politisch korrekten Umgang mit wilden Tieren dienen. Unter der Überschrift "Angst vor Wölfen" finden sich solche Klopfer wie "Menschen gehören nicht zur normalen Beute von Wölfen" oder "Unerfahrene Jungwölfe sind manchmal weniger scheu, eher neugierig-naiv, zu einem aggressiven Verhalten gegenüber dem Menschen kam es aber noch nie" oder "Gelegendlich werden Wölfe in der Nähe, selten direkt in Ortschaften gesehen. Dort können sie auch Nutztiere reissen, besonders wenn diese unzureichend geschützt sind." Nun kann man nur noch hoffen, dass die Wölfe das auch wissen und die blöden Bauern sind es eh selbst schuld, wenn die Wölfe ihre Schafe reißen.

Glaubt jemand ernsthaft, unsere Vorfahren hätten den Wolf aus Langeweile so intensiv bejagt, dass er bei uns nicht mehr vorkommt? Was ist der Zweck? Ja sicher, das Wolfsgedöns schafft Stellen, aber die Vorstellung, dass die Ansiedlung von Wölfen die Natur wieder "ins Gleichgewicht" bringen könnte, ist, höflich ausgedrückt, hirnrissig. Seine Aufgabe, als Korrektiv der Wildbestände zu wirken, kann der Wolf nur dort wahrnehmen, wo Wildtiere seine einzige Nahrung darstellen. In unserer zersiedelten Kulturlandschaft wird er schnell Ressourcen erschließen, an die er leichter herankommen kann. Schon heute suchen Füchse und Waschbären (letztere wurden unter der Ägide von "Reichsjägermeister" Hermann Göring in Deutschland angesiedelt, um die heimische Fauna zu bereichern) sich ihr Futter in den Mülltonnen der Vorstädte. Wie lange wird es dauern, bis der Wolf, der - es sei noch einmal daran erinnert - keinem Jagddruck unterliegt, ihnen folgt?

Die Webseite listet drei Szenarien auf, die beim Angriff von Wölfen eine Rolle spielen können:

Tollwut
Deutschland ist seit 2008 (Brandenburg seit 2000, Sachsen seit 2004) tollwutfrei. Bei einem eventuellen erneuten Auftreten, werden "entsprechende Gegenmaßnahmen zur Bekämpfung, wie die orale Immunisierung des Fuchses als Hauptüberträger mittels Impfköder, ergriffen." Na, das beruhigt uns.

Provokation
Bei massiver Provokation von Wölfen, "kann eine gefährliche Situation entstehen ... Indem man bei einer Begegnung mit einem Wolf respektvollen Abstand hält, kann man die Gefahr einer ungewollten Provokation vermeiden." Und was ist mit "gewollten Provokationen"? Sowas tut kein Mensch, sagen Sie? Bitteschön, hier ist der letzte Punkt:

Habituierung
Dieser hübsche Euphemismus erklärt sich so: "Wölfe, die über einen längeren Zeitraum an Menschen gewöhnt wurden, z.B. durch Anfüttern, können aufdringliches und dreistes Verhalten entwickeln, was für den Menschen gefährlich werden kann."

Bitte lesen sie das noch einmal ganz langsam: Es gibt tatsächlich Leute, die diese Bestien auch noch durch Füttern anlocken.

Nun könnte man entgegnen, dass die eh Kandidaten für den Darwin Award sind, aber leider leben sie nicht auf einer Insel, sondern haben Nachbarn und Besucher, die unschuldig Opfer des "Habituierungsprozesses" werden können. Ich auch.