Dienstag, 14. Dezember 2010

Die unausrottbare Liebe der Deutschen zur Guillotine


Wir wurden auf das Blog Berliner Gazette aufmerksam gemacht. Es mag auf den ersten Blick nur eine etwas dürftige Online-Publikation für dilettierende junge Leute, die sich als "Avantgarde" vorkommen, sein, aber auf den zweiten Blick bekommt man dann doch ein Bild davon, was der Nachwuchs der schreibenden Klassen mit uns vorhat.
In einem Beitrag Königin Luise unter der Lupe: Wie Preußens Übermutter 2010 glorifiziert wurde, erklärt uns dummen Frauen Profunda Maxima Elisabeth Amrein, 27jährig, Soziologie und Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie mit den Schwerpunkten Alltagskonstruktion, Wert und Normensystem der Gesellschaft und Gedächtnistheorien studiert, wie wir gefälligst unser Leben zu gestalten haben. Menschenkinder werden zu Tieren ("Stall voll") und ein traditionelles Mutterbild findet die Autorin (die vermutlich in der Phiole gezüchtet wurde) ein wirksames Mittel, Frauen aus Politik, Macht und Öffentlichkeit herauszuhalten, zumal es ein Mutterbild sei, "dass [sic!] es bis dahin nie gegeben hatte". Ein solches Mutterbild ist - selbstverständlich - ein "Mythos", "erdrückend" und (pfuiteufel) "deutsch". Eine Erklärung, wie die Frauen außerhalb Deutschlands zur Zeit der Luise ihre Rolle sahen, bleibt die Fachfrau für Europäische Ethnologie uns schuldig. Und klar, bevor den armen deutschen Frauen Luise als Vorbild aufgedrängt wurde, haben die alle ihren "Stall voll" in der Kita abgegeben und als Traktorist_innen in der LPG gearbeitet. Oder sowas.

Das ist das Menschenbild der Totalitären. Familie und Kinder werden entsorgt und Letztere in Kita und Jugendorganisation auf Parteilinie gebracht, Frauen müssen arbeiten, um ihren Wert für die Gesellschaft nachzuweisen und die, die nicht Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie mit den Schwerpunkten Alltagskonstruktion, Wert und Normensystem der Gesellschaft und Gedächtnistheorien studiert haben, haben halt Pech gehabt, denen wird dann Genossin Amrein die Welt erklären.

Haben wir alles so ähnlich schon zweimal gehabt.

Immerhin ist das ganze prätentiöse Gesülze nicht ohne Komik, wenn auch nicht freiwillg.
Es ist ein Skandal, dass ausgerechnet links gerichtete Zeitungen wie die taz, ein Lob dafür aussprechen, dass Luise als vorbildliche Landesmutter allen Frauen und Müttern vorgelebt hat, wie man sich eigenhändig (selbst als Königin) und im Hause um die Kinder kümmert, dass man sich weitestgehend aus der Politik des Ehemanns herauszuhalten hat und ihm nicht nur eine Frau zu sein, die aus politischen Gründen geheiratet wurde, sondern auch die ehelichen Pflichten (nach bürgerlicher Weltanschauung) selbstredend selbst leistet.
Ja wer soll denn die "ehelichen Pflichten" (nach bürgerlicher Weltanschauung oder wie auch immer) sonst leisten?

Dank der gesellschaftlichen Wert- und Normensystemkompetenz der Frau Amrein, wissen wir nun auch, worum es bei der Aufklärung tatsächlich ging, nämlich, wie überall, um die Entmachtung der Frauen, vor deren Überkompetenz die Männer ja schon immer Angst hatten.
Mit der Hilfe dieses Mutterbildes konnte schließlich das große Problem der Aufklärung gelöst werden: wie man der Monarchie und damit den Monarchen die Macht abnehmen konnte, ohne diese aber mit den Frauen teilen zu müssen und dennoch behaupten zu können, alle seien gleich an Rechten.
Ja, aber das haben wir ja inzwischen geändert und deswegen dürfen völlig merkbefreite und bildungsresistente X-Chromosomträgerinnen wie die Gedächtnistheoretikerin jetzt mitquatschen, statt einen guten Mann zu bekochen und seine Kinder im Bewusstsein aufwachsen zu lassen, dass sie keine Tiere sind. Ich hätte auch nichts gegen ein Ingenieurstudium einzuwenden, aber dazu reicht es ja nicht. Da schwafelt man lieber über Norbert Elias, der sich nicht mehr wehren kann, und über Aussagen über die Vergangenheit, die vor allem Aussagen über die gegenwärtige Gesellschaft sind und über Perspektiven und ihre Verfasstheit, blah blah yabber yabber yack yack, kulturanthropologiemäßig. (Ja, wir haben auch gegähnt.)

Frau Amrein bedauert ("Ohne das preußische Königshaus wäre es am Ende noch zu einer Revolution in Deutschland, nach französischem Vorbild gekommen"), dass die preußischen Könige ihren Kopf behalten haben, und bei dem Gedanken, dass es auch hätte anders verlaufen können, sollen, wird es der Alltagskonstrukteuse ganz kannibalisch wohl. Doch, das kann man so sehen, und es ist immerhin hübsch selbstentlarvend. Aber muss die Kulturanthropologin zusätzlich noch beweisen, dass sie auch von Geschichte keine Ahnung hat? Offenbar ja, sie kann wohl nicht anders. Die blutige Revolution wurde also, leider, leider, in Deutschland "verhindert, indem man sich schneller an das bürgerliche Bild anpasste, als es das Bürgertum selbst tun konnte. Reform von oben eben." Vielleicht setzt sich Frau Amrein ja 'mal mit dem Oeuvre von Hans-Ulrich Wehler auseinander, einer der profiliertesten lebenden deutschen Sozialgeschichtler und nicht einmal ein "Rechter". Wehler stellt fest, dass die Entwicklung in Deutschland genau umgekehrt zu dem Prozess verlaufen ist, den Frau Amrein sich aus ganz großer Höhe mal so eben zusammenphantasiert. Er nennt dieses Phänomen "Defizit an Bürgerlichkeit", da die bürgerlichen Schichten in Deutschland kein eigenes bürgerliches Selbstverständnis entwickelt haben, sondern sich politisch und in ihrem Lebensstil "feudalisiert", sich also an die Oberschicht mit ihren feudalen Strukturen angeglichen haben.

Aber über Tatsachen kann man sich ja getrost hinwegsetzen, wenn nur die Gesinnung stimmt, nicht wahr?

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: „Ich revolüzze!“
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.


(Erich Mühsam)